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Es gab alles, was das römische Soldatenherz begehrte
Vor Kastell Zugmantel sorgen Wirte, Gladiatoren, Händler und Prostituierte vor 1800 Jahren für ein buntes Leben
Als der Kaiser und Brudermörder Caracalla an der Ostgrenze des römischen Reiches
Krieg gegen die Parther führte, beorderte er im Jahr 215 nach Christus zur Unterstützung der dort zusammengezogenen Truppen Legionen auch aus Obergermanien in das heutige Syrien. Aus den Kastellen entlang des Limes oder aus Legionslagern wie Mainz ließ der Despot Kohorten zusammentrommeln, die sich mal ausschließlich aus römischen Soldaten rekrutierten, mal einem eher bunt zusammengewürfelten Haufen glichen:
In deren Reihen standen dann Chatten neben Galliern neben solchen von undefinierbarer Herkunft. Doch kaum waren die obergermanischen Truppen im Nahen Osten angekommen, machte sich Aufruhr unter ihnen breit. Sie zog es zurück an den goldenen Rhein und an des Taunus Höhen, wo sie Frau, Kind oder Kegel zurückgelassen hatten. Die Germanen jenseits des Pfahlgrabens hatten nämlich von dem Aderlass der römischen Streitmacht am Limes rasch Wind bekommen. Im Ansturm drohten die Barbaren schon zwei Wochen nach Abmarsch der Truppen alles niederzumähen, was den Soldaten im fernen Asien lieb und teuer war. So kündigten diese kurzerhand an, den Krempel hinzuschmeißen, wenn sie nicht binnen kürzester Zeit wieder an ihren angestammten Plätzen sein dürften: In Mainz, Holzhausen, Kemel oder im Kastell Zugmantel nahe des Taunussteiner Stadtteils Orlen. Die Meuterei hatte Erfolg. Caracalla, dem von jeher viel am Wohlwollen seiner Legionen gelegen war, gab nach.
Wem er die Niederlage durch die auch auf heutiger Taunussteiner Gemarkung stationierten Truppen zu verdanken hatte, dürfte der Terrorist der stets Alexander dem Großen nachzueifern suchte, gewusst haben. Denn ein wahrhaft buntes und schillerndes Völkchen - unter den Römern nur "lixae" genannt - hatte die Legionen im durch den Limes befriedeten Obergermanien samt ihren romanisierten Hilfstruppen längst der lästigen Kriegszüge entwöhnt.
Ihre ehemals spartanisch eingerichteten Erdkastelle hatten die Soldaten, in Orlen etwa, nach jahrelanger Arbeit zu komfortablen, aus Stein gefügten Kasernen ausgebaut, um luxuriöse Bäder ergänzt - off limits for all german soldiers. Und vor den Toren der Kastelle, in den Lagerdörfern, boten Gladiatoren, Wirtsleute, Auguren und Prostituierte - eben jene "lixae" nämlich - all das, was das römische Soldatenherz begehrte. Wem nach Seriöserem verlangte, hatte in einem der langgestreckten Streifenhäuser der Kasernenstadt Weib und Kind sitzen. Auch wenn das nach römischer Heeresordnung ausdrücklich verboten war.
In Kastellen wie dem Zugmantel hatte mehr als die Hälfte aller Soldaten sich auf diese Weise gesetzeswidrig verhalten und vor Ablauf der Dienstzeit eine Familie gegründet. Alles im Hinblick auf das Militärdiplom, das zur Entlassung überreicht wurde und Bürgerrechte garantierte. Mit diesem in der Tasche gründeten die sparsameren
unter den Haudegen Gutshöfe ("villa rustica").
Andere machten sich gleich in dem vor der Kaserne gelegenen Lagerdorf sesshaft: Veteranen, die dort eine wichtige Funktion hatten, "produzierten" sie doch den Nachwuchs für Roms Streitmacht.
So auch im Kastell Zugmantel, das unweit Orlens lag - da, wo der Limes die Hühnerstraße kreuzt. Die nämlich vollzieht den Lauf der Römerstraße nach, die im zweiten und dritten Jahrhundert nach Christus die Legionsstadt Mainz mit dem von Chatten besiedelten Limburger Becken verband.
Zugmantel hatten die Römer lange vor Caracalla, um das Jahr 90 nach Christus gegründet. Zusammen mit anderen Kastellen reiht es sich in den rechtsrheinischen Limes ein, der an dieser Stelle den vorgeschobenen Brückenkopf der Römer bei Mainz absicherte. So war garantiert, dass Rheingau und Civitas Mattiacorum (das heutige Wiesbaden) jahrzehntelang in römischer Hand blieben.
Wo immer Rom solche Kasernen erbauen ließ, folgten den Kohorten besagtes buntes Völkchen, das im Handel mit den Soldaten seinen Reibach zu machen suchte. Neben den "lixae" die "mercatores", die Händler. Eben all jene, die, gegen Bares versteht sich, für das leibliche und geistige Wohl der Kämpen zuständig waren. Denn die Truppen in Germaniens Wäldern waren über einen längeren Zeitraum hinweg stationiert. Neben dem Brot, das ihnen die ,mercatores" brachten, verlangte ihnen nach der Kurzweil der "lixae". Diese zogen die gerade erst errichtete Kaserne wie ein Magnet an. Und rasch war neben dem Kastell das Kastellvicus gegründet. Das bei Orlen war wahrscheinlich eines der größeren in Obergermanien. Das besterforschte ist es gewiß.
800 Menschen lebten in dem von Römern gegründeten Dorf bei Orlen. 80 Parzellen Land haben die Archäologen hier gezählt, sie vermuten weitere 20. Und so machen sie eine Rechnung auf, nach der in einem der bis zu elf Meter breiten und 40 Meter langen Reihenhäuser im Schnitt acht Menschen lebten. Diese führten eine Symbioseartige Existenz, die sie an das Schicksal der in der Kaserne stationierten Soldaten fesselte. Als wenige Jahre nach Caracallas Herrschaft die Moral der Truppe immer mehr sank, das Leben in den Kasernen mied, wer es sich leisten konnte und eine Besatzung nur noch stützpunktartig vorhanden war, nahte die letzte Stunde von Kastell und Kastellvicus am Zugmantel.
Wie es den letzten Bewohnern erging, mag aus den Funden von Hating bei Regensburg abgeleitet werden können. Hier fanden die, Archäologen in dem Brunnen einer "villa rustica", eines Gutshofes die Skelette der Einwohner. Sie waren offensichtlich nach einem Barbaren-überfall deren Riten zum Opfer gefallen: Die Stirn der Bewohner war jeweils an denselben Stellen in gleicher Weise eingeschlagen, ihre Schädeldecken zeigten Spuren von Skalpierungen...
aus: Wiesbadener Kurier 26.8.89
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